.

HUNGER


Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Liam Cunnigham
Buch: Steve McQueen mit Enda Walsh

HUNGER
- ein tief bewegender Film, welchen man als Zuschauer nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommen wird. Regisseur Steve McQueen schuf mit seinem Debüt einen höchst unbequemen, verstörenden und zugleich großartigen Film, der zum Nachdenken anregt und einige nicht leicht zu beantwortenden moralischen Fragen aufwirft. Die Kamera beobachtet den IRA-Aktivisten Bobby Sands [bemerkenswert gespielt von Michael Fassbender] beim konsequenten, gewaltlosen Widerstand - dem freiwilligen Hungertod.



Dem Film geht es dabei weniger um politische Gesinnung oder Stellungnahme zum Zeitgeschehen der Thatcher-Ära, er wirkt vielmehr wie eine Parabel, welche sich konkret auf unsere Gegenwart anwenden lässt. Viele der sogartigen, wunderschönen und zugleich grauenvollen Bilder, wie z.B. ein weinender Polizist während eines Aufstands, bleiben nachhaltig in Erinnerung und machen HUNGER zu einem sehr aussergewöhnlichen, emotional aufwühlenden Film. Bobby Sand's 17-minütiges Gespräch mit einem Priester, dargestellt in einer fesselnd gespielten Plansequenz, bildet den Kern des Filmes und lässt den Zuschauer verstehen was dort auf der Leinwand passieren wird.



HUNGER
wurde 2008 in Cannes absolut zurecht mit der goldenen Kamera ausgezeichnet, erschien aber in Deutschland dennoch nur auf DVD. Den Film sollte man sich im Originalton anschauen, da die lieblos heruntergeleierte deutsche Synchronisation schlicht eine Frechheit darstellt.


Cineastische Häppchen!


Da ich die Idee eines "Filmtagebuches" schon immer sehr reizvoll fand, verfasse ich hiermit [inspiriert von der nagelneuen und hochexklusiven Plattform letterboxd.com, aktuell in einer vielversprechenden Betaphase] einige kurze Eindrücke meiner letzen Filmabende. Es gilt wieder einmal: Weder Untertitel noch verwaschene Schwarz/Weiss-Bilder sollten den geneigten Filmfreund vom Entdecken cineastischer Schätze abhalten. In diesem Sinne: Bon Appetit oder wie der Mannheimer zu sagen pflegt: Gude!


LATE SPRING
Yasujiro Ozu's Blaupause für viele seiner folgenden Filme: Um ständig für ihren Vater sorgen zu können, beschliesst die Tocher niemals zu heiraten. Ein vielschichtiges Gesellschaftportrait, welches sich einem nach wie vor präsenten Generationenkonflikt in Japan nähert. Die akribisch konstruierten Aufnahmen mit dem Ozu-typischen 50mm-Objektiv zeugen von einer atemberaubenden Ästhetik. Ein Meisterwerk!


MILLENIUM MAMBO
Mein erster Film von Hou Hsiao-Hsien: Sehr schöne Geschichte [aus Taiwan] über die Sehnsucht nach Liebe/geliebt zu werden, konsequent aus dem Off erzählt. Kein Film der großen Dialoge, hier sprechen die Bilder: Die hübsche Shu Qui [Schmacht!] trägt den Film beinahe alleine mit ihrer physischen Präsenz.


DIE SIEBEN SAMURAI
[Für mich] zum ersten Mal in der Langfassung: Kurosawa's faszinierende Samuraisaga kombiniert das episches Abenteuer seiner Helden mit einem vielschichtigen Gesellschaftsportrait, denn hinter der Fassade handelt der Film von der ständigen Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Klassen. Eine gelungene Gratwanderung zwischen mitreissender Action, großem Drama und herzerwärmender Komik. Zurecht ein Klassiker des Genres!


PARIS, TEXAS
Um auch mal wieder etwas nicht-asiatisches an die Tagesordnung zu bringen: PARIS, TEXAS, Wim Wender's bester Film, emotional aufwühlende und mysteriöse Geschichte um einen Mann ohne Vergangenheit in starken Bildern erzählt. Das herzzerreissende Finale ist zudem brilliant konzipiert!


DOWN BY LAW
Drei grundverschiedene Charaktere treffen im Gefängnis aufeinander und müssen sich bei einem gemeinsamen Ausbruch arrangieren. Jim Jarmusch's Frühwerk besticht mit einer interessanten Figurenkonstellation, witzigen [teilweise improvisierten] Dialogen und sehr ästhetischen Schwarz-Weiss-Bildern von Robby Müller [auch oft für Wenders hinter der Linse].


CLEAN
Bewegender Independentfilm mit einigen interessanten inszenatorischen Kniffen, so wird z.B. die Geschichte nach dem ersten [stringenten] Drittel episodisch aufgelöst, was den Film sehr dynamisch macht. Maggie Cheung überzeugt als drogensüchtige Mutter, welche ihr Leben nach dem Tod ihres Freundes wieder in den Griff bekommen will, Regisseur Oliver Assayas [CARLOS DER SCHAKAL] lässt aber besonders Nick Nolte zur absoluten Höchstform auflaufen! CLEAN ist leider nur auf einer raren koreanischen oder französischen DVD erhältlich.


THE CONVERSATION / DER DIALOG
Brilliant zermürbender [Horror-]Film über Paranoia, Angst, Macht und Ohnmacht. Besonders auf tonaler Ebene verstörend in Szene gesetzt mit einem genialen Gene Hackman in der Hauptrolle.


SANSHO THE BAILIFF
Ein sehr bewegender und zutiefst menschlichter Film von Mizoguchi - zudem sind die thematisierten moralischen Aspekte gerade heute sehr aktuell. Die bewegende Geschichte eines Geschwisterpaares, welches von ihren Eltern getrennt wird, basiert auf einer alten Sage.


UGETSU
Großartiges Spätwerk von Mizoguchi. Eine märchenhafte Parabel, episodisch erzählt, mit interessanten, sich entwickelnden Figuren. Die Kameraarbeit des späteren Kurosawa-Kameramanns Kazuo Miyagawa ist brilliant!


STREETS OF SHAME
In seinem letzten Film zeichnet Mizoguchi ein Portrait einiger Frauen in Japan nach dem zweiten Weltkrieg. Gezeichnet von Armut müssen sie sich der Prostitution hingeben und leiden auf unterschiedliche Art und Weise darunter. Die persönlichen Schicksale der Frauen werden sehr bewegend in Szene gesetzt und machen den Film zu einer gelungen Anklage an die jap. Gesellschaft.