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BOARDWALK EMPIRE


Darsteller: Steve Buscemi, Kelly MacDonald, Michael Pitt, Michael Shannon, Paz de la Huerta
Produktion: Martin Scorsese, Mark Wahlberg, Terence Winter
Studio: HBO

"I do expect to have everything"

[Enoch "Nucky" Thompson]

Wir schreiben das Jahr 1921, die Zeit der Prohibition. BOARDWALK EMPIRE, HBO's neuer Stern am Serienhimmel, beginnt mit einem Knall: der Illegalisierung von Alkohol. Sofort wird klar, dass dieses Gesetz einen fruchtbaren Nährboden für jedwede Art von Kriminalität bis in die höchste Regierungsebene bietet. Das BOARDWALK EMPIRE ist aufgrund seiner Küstenlage ein strategisch wichtiger Umschlagplatz für den Alkoholhandel, welcher die Aufmerksamkeit illustrer Gestalten wie Al Capone, Lucky Marciano aber auch einer kriminell agierenden Regierung weckt [verkörpert durch den Bezirksschatzmeister Enoch Thompson].



Martin Scorsese [THE DEPARTED, CASINO] und Terrence Winter [THE SOPRANOS] schufen keinsfalls eine dröge Gangsterserie, im Mittelpunkt steht eine interessante Auswahl an Charaktere: Der ausgebrannte Bezirksschatzmeister, ein fremd gewordener Kriegsheimkehrer, eine [zunächst] hilflose Imigrantin, ein mysteriöser Bundesagent und zahlreiche Nebenfiguren, sie alle vervollständigen eine allgemeingülte Parabel über Macht, Verbrechen und Kaptialismus in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.



Jede Folge besitzt einen klar herausgearbeiteten emotionalen Kern, die Vergangenheit und Sehnsüchte einer jeden Figur werden subtil und glaubwürdig vermittelt. Somit entsteht eine faszinierende Vielschichtigkeit in der gesamten Figurenwelt der Serie. Ähnlich wie Ian McShane's Figur in DEADWOOD lässt sich Enoch Nucky Thompson [toll gespielt von Steve Buscemi] weder "gut" noch "böse" klassifizieren, wie im echten Leben stehen die meisten Figuren auf einem schmalen Grat zwischen Sympathie und Abscheu.



BOARDWALK EMPIRE brilliert in der Darstellung von Abhängigkeiten, Ereignisketten und unwideruflichen Konsequenzen. Steve Buscemi überzeugt im Wechselspiels zwischen emotionaler Zerbrechlichkeit und knallhartem Durchsetzungsvermögen, die Aufarbeitung seiner persönlichen Vergangenheit gelingt der Serie insbesonders und baut eine gelungene Verbindung zwischen seiner fragwürdigen Figur und dem Publikum auf.



Zieht man ein Resüme aus der erste Staffel, so mag es zunächst befremdlich sein, dass es keinen "großen" dramatischen Handlungskern gibt, die Faszination an BOARDWALK EMPIRE besteht aus einem Kaleidoskop aus kleinen Geschichten und sich entwickelnden Charakteren, welches ein gelunges Gesamtbild formt. Zwar geht es um den großen Umschwung [hervorgerufen durch die Prohibition] doch eigentlich handelt die Serie von Verflechtungen, sowohl politischer als auch emotionaler Art.



Produktionstechnisch ist BOARDWALK EMPIRE vielen Kinoproduktionen oft überlegen, das amerikanische Küstenstädchen wurde in einer gelungenen Mischung aus klassischen Setaufbauten und CGI-Effekten [→ Hier ein tolles Video dazu] ins Leben gerufen und mit einigen sehr ästhetischen und durchaus kinoreifen Bildern eingefangen. Hin und wieder erstaunen Aufnahmen, welche aus einem Gemälde von René Magritte entstammen könnten.



Im Verlauf der Geschichte entstehen einige große, geradezu magische [Kino-]Momente, welche man eher in einem Film wie DER PATE oder CASINO erwarten würde und für eine Fernsehserie ungewöhnlich aber durchaus willkommen sind. Dieser hohe künstlerische Anspruch macht BOARDWALK EMPIRE gewissermasen zu einem Epos und bewahrheitet tatsächlich den im Vorfeld ausgesprochenen Claim: "Scorseses Serie könnte das Kino ruinieren".
Ich sage: Serien wie BOARDWALK EMPIRE ruinieren das Kino nicht, sie fordern es heraus!



Trailer zu BOARDWALK EMPIRE: